Am 4. September 2026 steht in der Rheinischen Post ein Gastbeitrag von Heiner Wilmer, Bischof von Münster und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Er schreibt über die Katastrophen unserer Zeit und fordert eine neue Definition von Wohlstand. Er wünscht sich eine radikale Umkehr – und eine weltweite Friedensbewegung.
Dieser Beitrag gefällt mir so gut, dass ich diesen hier zitiere:
Dieser Beitrag gefällt mir so gut, dass ich diesen hier zitiere:
Ein Motorrad als mahnende Ikone
Das Bild ging um die Welt: Im August stand das Wasser der Donau in Budapest so tief wie noch nie. Das führte dazu, dass ein fast vollständig erhaltenes Motorrad der deutschen Wehrmacht aus dem Zweiten Weltkrieg freigelegt wurde. Mehr als acht Jahrzehnte hatte der Schlamm der Donau die DKW NZ 350-1 konserviert. Das Museum für Militärgeschichte in Budapest sprach von einem „Jahrhundertfund“. Doch es ist mehr.
Das vom Schlamm bedeckte Motorrad ist für mich eine Ikone, im ursprünglichen altgriechischen Wortsinn, also ein Bild, ein Abbild, ein Symbol für zwei zentrale Katastrophen, in denen wir als Menschheitsfamilie heute stehen: Krieg und Klimawandel.
Das Wehrmacht-Motorrad steht zunächst für Krieg, Gewalt und Zerstörung. Es war in dem Krieg im Einsatz, in dem Nazi-Deutschland unsägliches Leid über die Welt brachte. Aktuell gibt es mehr als 60 kriegerische Konflikte und bewaffnete Auseinandersetzungen. Das ist – seit das Motorrad in der Donau versank – ein historischer Höchststand. Welche perversen Ideologien und welche Menschenfeindlichkeit treiben die Kriegsverursacher an? Ich frage mich zunehmend: Warum gelingt es uns nicht, hier wirksam gegenzusteuern? Wir bräuchten eine weltweite Friedensbewegung, die Hass, Ausgrenzung, Gewalt und totalitären Ideologien die Botschaft der Nächstenliebe, der Solidarität, der Empathie entgegensetzt. Ich kann und will nicht glauben, dass es hierfür in der einen Menschheitsfamilie, zu der wir alle gehören, keine Mobilisierung geben kann.
Das Wehrmacht-Motorrad ist für mich aber nicht nur eine Ikone für die Gewalt der Kriege. Sein Auftauchen macht auf plastische Weise eine zweite Katastrophe unserer Zeit sichtbar: den von Menschen verursachten Klimawandel. Der Philosoph Martin Heidegger würde von „Entbergen“ sprechen. Aus dem Verborgenen kommt die Wahrheit ans Licht, zeigt sich, wird fassbar. Das Motorrad in der wasserleeren Donau zeigt: Die Klimakatastrophe ist greifbare Realität. Die Klimakatastrophe ist Wahrheit.
In seinen Enzykliken „Laudato si“ und „Fratelli tutti“ hat Papst Franziskus eindringlich betont, dass die Zerstörung unserer Welt untrennbar mit der massiven sozialen Ungerechtigkeit auf unserer Welt verbunden ist. Der „Schrei der Erde“ und der „Schrei der Armen“, wie es Papst Franziskus formuliert hat, sind zwei Seiten der einen Katastrophe.
Der Tag der Schöpfung am 4. September ist Anlass, uns bewusst zu machen: Die Zielsetzung eines permanenten Wirtschaftswachstums, die lange politische Entscheidungen bestimmte, muss vorbei sein. Unser bisheriges westliches Wohlstandsmodell ist am Ende. Wohlstand darf nicht länger ökonomisch definiert werden. Wir brauchen eine sozial-ökologische Definition von Wohlstand. Eine solche Definition orientiert sich am christlichen Glauben und Menschenbild. Wohlstand in diesem Sinn bedeutet: In Solidarität und geleitet von der Überzeugung, dass die Würde jedes Menschen gleich unantastbar ist, schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass möglichst alle Menschen ein gutes, friedvolles Leben innerhalb der Belastungsgrenzen unserer Erde führen können.
Für diese radikale Umkehr, die lange überfällig ist, ist das Wehrmacht-Motorrad aus der wasserleeren Donau eine mahnende Ikone